«Der beste Audi, den man kaufen kann»

Audi-e-tron-Chefentwickler Jens van Eikels (47) spricht im Interview über die neue Ära der Mobilität und worauf er bei seinem «Baby» ganz besonders stolz ist.

Herr van Eikels, Sie leiten bei Audi die e-tron-Modellreihe. Bei der Schweizer Premiere im Pop-up Store in Zürich haben Sie den Audi e-tron den ersten Kunden persönlich vorgestellt. Wie war das?

Jens van Eikels: Was für ein tolles Gefühl! Der e-tron ist mein Baby, ich habe ihn vier Jahr lang begleitet, vom Entwicklungsstart bis zur Marktreife. Und jetzt darf ich ihn sogar noch ein bisschen verkaufen. Ich versuche dabei, meine eigene Freude zu transportieren.

Jens van Eikels in Zürich. (Tom Lüthi)
Jens van Eikels in Zürich. (Tom Lüthi)

Auch die Kunden haben grosse Freude am Auto.

Der direkte Kontakt ist für mich etwas ganz besonderes: Ich kenne die Bedürfnisse der Kunden, aber im Arbeitsalltag gibt es diverse Ebenen zwischen mir und ihnen. Direkt und persönlich zu spüren, wie begeistert die Kunden vom Auto sind, das ist eine riesige Freude. Diese Begeisterung werde ich auch an mein Team weitergeben.

Offensichtlich haben Sie vieles richtig gemacht. Die virtuellen Aussenspiegel kommen besonders gut an. Gibt es sonst noch etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Ja: Wie wir das ganze Auflade-Thema gelöst haben. Das ist einer der wichtigsten Aspekte eines Elektrofahrzeugs. Wir wollten, dass für die Kunden alles möglichst unkompliziert und komfortabel funktioniert, dass sich niemand damit herumärgern muss. Wir haben das erste Auto der Welt entwickelt, das optional auf beiden Seiten des Fahrzeugs aufgeladen werden kann. Und ich bin stolz darauf, dass wir sogar bei den Ladeklappen etwas «Vorsprung durch Technik» reinbringen konnten.

Der Audi e-tron kann diese Ladeklappen wie von Geisterhand schliessen. (Tom Lüthi)
Der Audi e-tron kann diese Ladeklappen wie von Geisterhand schliessen. (Tom Lüthi)

Wie?

Die Klappe geht elektrisch auf. Und wenn man den Stecker abzieht, schliesst sie sich von alleine. Wie von Geisterhand. Das begeistert, und da bin ich richtig stolz drauf.

Den Audi e-tron in Zürich bestaunen

Der Audi e-tron Pop-up Store am Rennweg 43 in Zürich. (Tom Lüthi)

Der Audi e-tron Pop-up Store am Rennweg 43 in Zürich. (Tom Lüthi)

Eben in San Francisco enthüllt, jetzt schon in Zürich: Noch bevor der brandneue Audi e-tron Anfang 2019 ausgeliefert wird, kann man die Serienversion des Strom-SUVs mitten in der Zürcher Altstadt bestaunen. An der Schweizer Premiere des ersten Vollstrom-Audis kann jeder teilnehmen: Bis am 20. Oktober ist der Audi e-tron pop-up store am Rennweg 43 in der Nähe der Bahnhofstrasse für das Publikum zugänglich. Und zwar ohne Voranmeldung: Jeweils von 8 bis 20 Uhr steht der pop-up store auch Kurzentschlossenen offen. Die Daten:

Donnerstag, 11. Oktober, 8 bis 17 Uhr
Freitag, 12. Oktober, 8 bis 20 Uhr
Samstag, 13. Oktober, 8 bis 20 Uhr
Montag, 15. Oktober, 8 bis 20 Uhr
Dienstag, 16. Oktober, 8 bis 17 Uhr
Mittwoch, 17. Oktober, 8 bis 17 Uhr
Donnerstag, 18. Oktober, 8 bis 17 Uhr
Freitag, 19. Oktober, 8 bis 20 Uhr
Samstag, 20. Oktober, 8 bis 20 Uhr

Adresse: Audi e-tron pop-up store, Rennweg 43, 8001 Zürich.

Der Audi e-tron ist mehr als ein neues Modell. Er hat einen komplett neuen Antrieb, so etwas gab es noch nie – ein Paradigmenwechsel. Das ist aufregend, oder?

Auch für uns Audianer ist das ein Start in eine neue Ära. Der e-tron steht für mehr als nur ein rein elektrisches Auto. Er ist der erste seiner Art, von vielen, die ihm folgen werden. Es geht um einen Neubeginn. Und eine Neuausrichtung der Firma Audi. Wir leisten Pionierarbeit, innerhalb der Firma wie auch nach aussen, um die Leute mitzunehmen.

Jens van Eikels erklärt Sven Epiney und dem Zürcher Publikum die Finessen des Audi e-tron. (Tom Lüthi)
Jens van Eikels erklärt Sven Epiney und dem Zürcher Publikum die Finessen des Audi e-tron. (Tom Lüthi)

Was war bei der Entwicklung anders als bei einem Benzin- oder Diesel-Auto?

Vieles war auch für uns Neuland. Aber ich war immer wieder erstaunt, wie viel Mechanisches nach wie vor in so einem Auto steckt. Auch ein elektrischer Motor hat zum Beispiel Lager, es gibt klassische Stahl-, Aluminium- und Kupferkomponenten. Und am Ende hat man immer noch ein Auto mit vier Rädern, mit Sitzen, mit einem Lenkrad und einem Kofferraum – da wendet man einfach das an, was man gelernt hat.

Im e-tron stecken auch ganz normale Auto-Teile.

Genau – zum Beispiel ein Stück Lamborghini. Wir haben die grössten und stärksten Gelenkwellen im Konzern gesucht und jene vom Urus gefunden.

Jens van Eikels im Audi e-tron Pop-up Store in Zürich. (Tom Lüthi)
Jens van Eikels im Audi e-tron Pop-up Store in Zürich. (Tom Lüthi)

Gibt es Unterschiede bei der Entwicklungs-Philiosophie?

Die Anforderungen sind zunächst nicht anders als an ein Auto mit Verbrennungsmotor. Aber der Kunde erwartet von uns einfach etwas Besseres. Ich bin überzeugt: Der elektrisch Antrieb bringt so viele Vorteile mit sich, dass der e-tron in der Summe für viele Lenker einfach viel besser ist als ein herkömmliches Auto.

Wie meinen Sie das?

Wir können aus dem Stand das maximale Drehmoment aufbauen, die Beschleunigung ist unglaublich. Das Auto reagiert sehr feinfühlig aufs Gaspedal. Es ist kein Getriebe dazwischengeschaltet, alles funktioniert total spontan, die Leistung ist sofort da. Und alles geräuschlos! Ein ganz neues Erlebnis, das auch für mich immer noch beeindruckend ist, jedes Mal, wenn ich ich in einen e-tron steige.

Jens van Eikels fährt privat noch einen Diesel. (Tom Lüthi)
Jens van Eikels fährt privat noch einen Diesel. (Tom Lüthi)

Die US-Konkurrenz hat viel Vorsprung, die deutschen Hersteller haben sich Zeit gelassen mit den elektrischen Autos. Wurde Audi nicht schon abgehängt?

Das sehe ich nicht so. Tesla hat uns den Weg sicher ein Stück weit geebnet, das E-Auto salonfähig gemacht, aus der Nische geholt. Es brauchte auch eine gewisse Zeit, in der das Bewusstsein reifen konnte, dass E-Fahrzeuge nicht langweilig oder hässlich sein müssen oder nur für Kurzstrecken taugen. Für uns ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Markteintritt. In vielen Märkten, insbesondere in Europa, ist die Akzeptanz gross genug. Wir haben jetzt die Chance, die Autos in grossen Stückzahlen an die Kunden zu liefern. Der e-tron ist attraktiv, er ist alltags- und langstreckentauglich, die Hindernisse sind aus dem Weg geräumt.

Der e-tron ist ein elektrisches Auto – und auch ein Audi?

Keine Frage. Es ist ein echter Audi. Was wie Aluminium ausschaut, ist auch Aluminium. Holz ist Holz. Wir verarbeiten feines Leder, die Präzision, die man von Audi kennt, steckt auch im e-tron. Es gibt keine Abstriche bei den Materialien, bei der Qualität oder beim Komfort. Ich sage stolz: Das ist der beste Audi, den man momentan kaufen kann.

Wo sind Sie und das e-tron-Team besser als die Konkurrenz?

Bei der Ladeleistung kann nichts auf dem Markt mit dem e-tron mithalten. Einerseits beim Heimladen, wo wir mit 11 kW ganz vorne mit dabei sind und später 22 kW als Option anbieten werden. Da sind wir die Messlatte, der Benchmark. Andererseits beim Gleichstrom-Laden, also zum Beispiel auf Autobahnraststätten: Mit 150 kW Ladeleistung sind wir viel besser als alle Konkurrenten. Das ist keine kurzzeitige Spitze, sondern Dauerlast. Diese Leistung können wir beim Fahrbetrieb auch wieder aus der Batterie holen – ebenfalls dauerhaft. Unsere Fahrleistung ist deshalb sehr stabil, da können viele Mitbewerber einfach nicht mithalten.

Das sind die Options-Highlights des Audi e-tron: Die virtuellen Seitenspiegel und die doppelten Ladeklappen. (Tom Lüthi)
Das sind die Options-Highlights des Audi e-tron: Die virtuellen Seitenspiegel und die doppelten Ladeklappen. (Tom Lüthi)

Warum ist der erste e-tron eigentlich ein SUV geworden – und nicht zum Beispiel ein sündhaft teurer Sportwagen mit Rekordwerten?

Wir wollten ein wirklich alltagstaugliches Auto auf den Markt bringen. Und SUVs sind in allen Märkten sehr gefragt. Mit der Grösse – der e-tron ist 4,90 Meter lang – liegen wir im Sweet Spot, in der goldenen Mitte. Da stossen wir auf ein interessantes Kunden-Umfeld. Es gab aber Konflikte, die wir lösen mussten. Damit die Reichweite stimmt, mussten wir eine gute Aerodynamik abliefern. Aber wir hatten auch ein klares SUV-Konzept mit grossen Reifen, dem passenden Design, fünf echten Sitzplätzen, Anhängerkupplung und quattro. Da haben wir keine Abstriche akzeptiert. Ich finde, die Lösung ist uns gut gelungen.

Audi steht für sportliches Fahren, für leistungsstarke RS-Modelle und Rennsport. Der e-tron ist bei 200 km/h elektronisch abgeriegelt. Warum eigentlich?

Im e-tron gibt es kein klassisches Getriebe. Es gibt eine feste Verbindung zwischen den Rädern und dem Motor. Das bedeutet, dass man sich entscheiden muss: Will man eine möglichst gute Beschleunigung oder ein hohes Spitzentempo? Auch hier mussten wir eine Lösung finden. Der e-tron beschleunigt jetzt in 5,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h, für einen grossen SUV ein sportlicher Wert. Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h sind für elektrische Fahrzeuge nicht mehr erstrebenswert, weil das am Verbrauch und an der Reichweite zehrt. Und schneller kann man eigentlich nur in Deutschland fahren. Irgendwann sind auch die Systemgrenzen erreicht. Bei 200 km/h drehen die Elektromotoren mit 13’500 Touren! Ganz schön viel. Die meisten Kunden werden im Alltag mehr von der Beschleunigung haben als von der Höchstgeschwindigkeit.

Aber Audi wäre ja nicht Audi, wenns nicht doch noch ein bisschen schneller ginge…

Mein Team und ich arbeiten natürlich weiter. Ich kann nicht zu konkret werden, aber lassen Sie mich es so formulieren: Da besteht Hoffnung.

Der Schweizer Audi-Markenchef Dieter Jermann, Audi-e-tron-Chef Jens van Eikels und Moderator Sven Epiney (von links). (Tom Lüthi)
Der Schweizer Audi-Markenchef Dieter Jermann, Audi-e-tron-Chef Jens van Eikels und Moderator Sven Epiney (von links). (Tom Lüthi)

Fahren Sie selber eigentlich schon einen e-tron?

Ich konnte ihn kürzlich ein Wochenende lang testen, abseits vom Testgelände. Ich bin zum Einkaufen gefahren und hab die Kinder eingeladen. Solche Erfahrungen aus dem Alltag sind wichtig. Ansonsten gibt es derzeit niemanden, der den e-tron privat fährt.

Was fahren Sie denn privat?

Noch fahre ich einen Diesel. Ich freue mich sehr darauf endlich auf den e-tron umstellen zu können. Jeder, der mal ein E-Fahrzeug gefahren hat und dann zurück zum Verbrenner wechselt, der sagt: «Nee, wie konnte ich das bloss Jahrelang aushalten!» So geht es mir auch. Wer wechselt, will nie wieder zurück.

Wie lange wird es Autos mit Benzin- oder Dieselmotoren denn noch geben?

Eine Weile schon noch. Es gibt Anwendungszwecke, die nicht unbedingt für ein E-Fahrzeug sprechen, zum Beispiel tägliche lange Fahrten. Da wird die Brennstoffzelle ein Thema, aber da wird die Entwicklung noch Jahre in Anspruch nehmen. Für die urbane Mobilität, hin und wieder verbunden mit einer Langstrecke, wenn man in den Urlaub fährt oder Freunde besucht, ist ein E-Fahrzeug heute schon besser als ein Verbrenner. Die Zukunft ist elektrisch.

Persönlich

Jens van Eikels (47) leitet die Modellreihe BEV (Battery Electric Vehicle) und damit die e-tron-Abteilung von Audi. Er ist in Melsungen im deutschen Bundesland Hessen aufgewachsen und hat in Kassel Machinenbau studiert. Er arbeitet seit 20 Jahren bei Audi, die ersten zehn in der Qualitätssicherung, die letzten zehn im Produktmanagement. Dort verantwortete er die A3-Limousine, das A3-Cabrio, den A3 e-tron und die letzten vier Jahre den e-tron. Er ist verheiratet, hat eine Tochter (12) und lebt in München. Er fährt einen Audi A7 und («am Wochenende, wenn das Wetter passt») einen Porsche 911 SC Targa mit Baujahr 1978 in Oak Green.

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