Höher, schneller, leiser

So schön kann e sein: Für Filmaufnahmen fuhren am Klausenpass zwei ganz verschiedene Audi e-tron Paraden. Zu sehen gibt es das «Mountain-Challenge»-Ergebnis bald in einem Kurzfilm. Zu hören auch – wenn auch sehr leise.

Der Audi e-tron FE04 fährt vor dem Audi e-tron Vision Gran Turismo. (Filip Zuan)

Die Zukunft surrt. Der Audi e-tron FE04 kündigt sich mit einem hochfrequenten Wimmern an, fein und exakt, bevor er sich ins Blickfeld schiebt, die Linie sucht, die Kurve nimmt und wieder heraus beschleunigt. Ein zweites Auto verfolgt den Formel-E-Wagen: Der Audi e-tron Vision Gran Turismo fährt ebenfalls nur mit Strom, er ist noch leiser. Fast nur die Rollgeräusche der Reifen füllen die Klus, bevor sie verhallen.

Die Choreographie der Rennwagen wirkt ein wenig wie eine optische Täuschung: So schnell, wie die Autos durch die Jägerbalm-Kurve schiessen, müssten sie eigentlich von einer ganzen Symphonie an Motorengeräuschen begleitet werden, erwartet das Gehirn. Stattdessen: Stille, Wind, präzise Ingenieurskunst.

Die Crew macht die beiden elektrischen Autos bereit für den Dreh. (Filip Zuan)

Es ist ein Montagmorgen Ende Mai. Eine Filmcrew dreht an den Ostrampen des Klausenpasses im Kanton Uri ganz besondere Aufnahmen. Am 10. Juni findet in Zürich der E-Prix statt, das erste Schweizer Rundstreckenrennen seit über 60 Jahren. Auch die beiden Fahrer Autos des Teams Audi Sport ABT Schaeffler starten hier – und das Video, das am Pass gedreht wird, soll das Publikum heiss machen auf das letzte europäische Rennen vor dem Saisonfinale in New York.

Christof Caspar. (Filip Zuan)

«Wir sind das erste deutsche Werksteam in der Formel E», sagt Christof Caspar, Referent für internationale Motorsportvermarktung bei der AUDI AG. «Um das Thema auch unserer Zielgruppe näher zu bringen und die Faszination dieses neuen Rennsports zu transportieren, produzieren wir unter anderem bei jedem Rennen in Europa einen Highlight-Clip.» Darin geht es nicht nur um aufregende Bilder, auch die Tonspur spielt eine Rolle. «Die ruhige Bergwelt und diese leisen Autos, das hat uns gereizt», sagt Caspar. «Ich bin schon lange im Motorsport, wenn man am Rande eines Rennens miteinander reden wollte, musste man sich einen schalldichten Raum suchen. Hier hört man sogar das Wasser plätschern!»

Die beiden Hauptdarsteller des Kurzfilms gehören eigentlich nicht hierher. Der FE04 ist der aktuelle Formel-E-Wagen, gebaut für die Rennstrecke und die E-Prix-Kurse, die durch Städte wie Hong Kong, Buenos Aires oder eben Zürich führen. Das zweite Auto, der e-tron Vision Gran Turismo, wirkt fast noch fremder: Lange gabs den Rennwagen nur digital, PlayStation-Fans kennen ihn aus der japanischen Rennsimulation Gran Turismo, jetzt hat ihn Audi für die richtige Welt als Einzelstück nachgebaut. Der Renn-e-tron sieht wahnsinnig schnell aus – und ist es auch: Mit über 800 elektrischen PS beschleunigt er in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h.

Von der PlayStation an den Klausenpass: Der Audi e-tron Vision Gran Turismo auf der Ostrampe. (Filip Zuan)

«Wir haben dann das Design eins zu eins hergenommen und ihn für die Strasse gebaut. Das war ein komplett neues Konzept», sagt Christof Caspar. «Keiner wusste genau, wie das angenommen wird, wo das hinführt. Jetzt sehen wir, dass das Auto Emotionen transportiert, die Leute sind begeistert. Wir sind sehr glücklich damit.»

Auch am Drehtag kam es noch zu Lawinensprengungen. (Filip Zuan)

In der Vorwoche riss eine Schneelawine noch zwei Autos von der Passstrasse. Einzelne Schneefelder gibt es immer noch. Gegen Mittag knallt es drei, vier, fünf Mal, aus einem Helikopter versuchen die Behörden, Lawinen zu sprengen. Der Pass ist noch nicht lange offen. In den Drehpausen jagen Motorräder und Sportwagen über die Passstrasse. Der Lärm ihrer Explosionsmotoren wirkt im Vergleich mit den Strom-Audis dumpf und fast archaisch.

Manchmal hört man Murmeltiere pfeifen. Und dann knistern die Funkgeräte der Filmcrew. Rund 20 Personen sind diesen Tag am Klausen im Einsatz, zwei Kameramänner und eine Handvoll GoPro-Kleinkameras fangen die Bilder ein. Am Himmel schwebt eine Drohne am Ort, sie dröhnt wie ein vorlautes Insekt. Der Föhnwind bläst, 32 km/h messen die Drohnen-Piloten, das verträgt ihr Gerät, sagen sie.

DIe Drohnen-Crew bereitet sich auf den Start der fliegenden Kamera vor. (Filip Zuan)

Auch Blitz und Donner? Für Mittag ist ein Gewitter angesagt. «Das wird halten», sagt ein Audi-Garagist aus dem Tal, der den Dreh mitverfolgt und extra hochgewandert ist an die Ostflanke des Passes. «So lange der Föhnwind geht, bleiben die Wolken auf der anderen Seite.» Er sollte recht behalten.

Der niederländische Rennfahrer Nyck de Vries geniesst das Alpenpanorama. (Filip Zuan).

Am Steuer sitzen zwei Profis. Den Formel-E-Wagen lenkt der Niederländer Nyck de Vries (23), hauptberuflich Formel-2-Pilot. Den e-tron Vision Gran Turismo fährt die Schweizerin Rahel Frey (32), die früher in der Le-Mans-Serie fuhr und diese Saison bei den ADAC GT Masters mitkämpft.

Die Autos sind neben Pilotin Rahel Frey und Musiker Enrico Lenzin die Stars des Kurzfilms. (Filip Zuan)

Jetzt ist sie auch noch Schauspielerin: Im Kurzfilm trifft sie auf den Schweizer Musiker Enrico Lenzin (46), der am Strassenrand auf seinem Karbon-Alphorn spielt. Sie versucht, dem Instrument einen Ton zu entlocken, schafft es fast. Dann nimmt sie ihn mit in Richtung E-Prix in Zürich – das Alphorn verstaut Lenzin auf dem Formel-E-Wagen. Lenzin ist ganz begeistert: «Ich war noch nie an einem Formel-E-Rennen. Jetzt habe ich so einen Wagen von Nahe gesehen und fand das faszinierend. Das fährt ein!» sagt der Musiker. «Ich will das Rennen in Zürich unbedingt anschauen.»

Im Film nimmt Rennfahrerin Rahel Frey den Alphornisten Enrico Lenzin mit. (Filip Zuan)

Der Klausenpass ist ein Ort mit Renngeschichte. In den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde hier der «Grosse Bergpreis der Schweiz» ausgetragen. Über 157 Kurven führte die Rennstrecke von Linthal GL (662 Meter über Meer) auf die Passhöhe (1940 Meter). In den 90er-Jahren wurde die Tradition mit einem Oldtimer-Rennen wiederbelebt, 2013 zum letzten Mal.

Elektrische Boliden vor dem prächtigen Klausen-Panorama. (Filip Zuan)

Weder das Formel-E-Auto noch der e-tron Vision Gran Turismo sind für die Passstrasse gebaut. Der Belag ist holprig, an Steigungen dachten bei der Entwicklung weder die Formel-E- noch die PlayStation-Konstrukteure. «Wir haben das Fahrzeug so weit hochgeschraubt, wie es ging», sagt Thomas Grossen, der als Mechaniker für den Formel-E-Boliden mitgereist ist. «Auf der Hinterachse gingen wir 30 Millimeter höher, vorne 20 Millimeter. Für uns sind das Welten, im Alltag geht es um einen oder zwei Millimeter.» Es hat gereicht, «zum Glück funktioniert auf der Passstrasse alles, aber das ist das Schöne an meinem Job: Im Vorfeld denkt man alles durch, man weiss nicht, ob es klappt – und dann funktioniert alles», sagt Grossen.

Thomas Grossen arbeitete früher als Automechaniker bei der Amag in Kriens LU. (Filip Zuan)

Tatsächlich – am Ende hat alles geklappt. Am frühen Abend ist die letzte Szene in der Nähe der Passhöhe im Kasten. Dann werden die Autos wieder in ihre Transportwagen verladen. Das Surren verstummt. Dann brummt es wieder. Es braucht es Verbrennungsmotoren, um die Elektro-Rennwagen zu transportieren.

Am Ende des Tages wurden die Autos zurück in ihre Transportwagen verladen. (Filip Zuan)

Das Ergebnis des Klausen-Drehs hat in der Woche vor dem Zürcher E-Prix Premiere.

Frau Frey, Sie sitzen heute am Steuer des Audi e-tron Vision Gran Turismo, ein vollelektrisches Einzelstück. Wie fährt er sich auf der Klausen-Passstrasse?

Das Auto hat 800 PS! Mit den drei elektrischen Motoren ist die Beschleunigung richtig, richtig gut. Für die Filmaufnahmen fahre ich zwar eher langsam, aber es kommt mir sehr schnell vor. Weil man die Bremsen in der kurzen Zeit kaum auf Temperaturen bringt.

Sie fahren den Wagen sonst ja auch als Renn-Taxi bei Formel-E-Rennen. Der Klausenpass ist keine Rennstrecke, hier gibt es normalen Strassenbelag und enge Kurven. Schafft das der Renn-e-tron?

Den Klausenpass kann man natürlich nicht vergleichen mit den Strecken, die wir bisher gefahren sind. Die Testfahrten gingen im Audi driving experience Center in Neuburg über die Bühne, gleich anschliessend gab es Fahrten bei den Formel-E-Rennen in Rom, Paris und Berlin. Hier komme ich an die Grenzen des Lenkeinschlags. Mit den Kurvenradien hier wird es eng, aber es passt gerade noch. Das hier ist eine Herausforderung für das Auto.

Sie haben es angetönt: Der e-tron Vision Gran Turismo wurde nicht lange getestet, es ist ein ungewöhnliches Auto. Inwiefern?

Normalerweise entsteht ein Auto aus einer Idee und wird von Grund auf konzipiert. Aber das hier ist aus der PlayStation entstanden. Erst gab es den Wagen nur in einem Spiel, dann hat man ihn tatsächlich gebaut. Das bedeutet: Zuerst gab es nur die Hülle, dann mussten die Techniker alles darunter bauen. Und eben, das Auto gibt es nur ein einziges Mal. Wir haben keine Ersatzteile, es darf nichts passieren – und es könnte immer etwas passieren, denn das Auto ist ein Prototyp und hat bisher kaum Kilometer zurückgelegt.

Haben Sie Angst?

Nein! Aber in so einer Situation geht man auch absolut kein Risiko ein, geht nicht ans Limit. Aber nichtsdestotrotz: Man merkt in dieser Situation wieder einmal, was es alles braucht, damit ein Auto in Bewegung kommt und ausgezeichnet funktioniert.

Wenn Sie keine Filme mit Audi drehen, fahren Sie Rennen – mit Verbrennungsmotoren. Fühlt sich ein elektrisches Fahrzeug anders an?

Sehr – nur schon die Geräusche sind ganz anders. Wenn der Lärmpegel tiefer ist, hört man ganz andere Sachen. Und ein elektrisches Auto bewegt sich ganz anders: Der Audi e-tron Vision Gran Turismo hat vier Batterien und drei E-Motoren, das Gewicht ist höher als bei einem herkömmlichen Rennauto. Und trotzdem ist die Beschleunigung absolut beeindruckend. Das spürt man auch bei den Renn-Taxi-Fahrten. Wenn man aufs Gas geht, sind die 800 PS sofort da. Das erlebt man nicht jeden Tag.

Fährt man mit einem E-Auto anders Rennen als mit einem Benzin-Boliden?

Ich habe selber keine Elektro-Rennerfahrung. Aber ich sehe, welche Aufgabe Fahrer von Formel-E-Autos haben. Ihre Vorgaben sind komplett anders, das ist schwer zu vergleichen: Sie dürfen pro Runde zum Beispiel bloss eine gewisse Leistung abrufen, das müssen sie immer im Augen behalten. Den Überblick behalten, das ist der harte Teil des Jobs: Ein Formel-E-Fahrer muss sein Auto managen.

Im Clip werden Sie nicht nur den Renn-e-tron fahren, sie spielen auch in einer Szene mit. Gehört sowas auch zum Rennfahrer-Job?

Absolut. Wir sind nicht einfach nur Rennfahrer, wir sind auch Markenbotschafter. Wenn etwas der Marke nützt, dann ist das auch wichtig für uns. Und, ganz ehrlich: Statt eines Redaktionsbesuches hier bei schönem Wetter den Berg hochfahren? Da sagt bestimmt niemand nein.

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