Die vernetzte Stadt

Wie Boston das Konzept der Smart City lebt

Boston zeigt, dass es beim Thema Smart City um viel mehr als nur um Mobilität geht. Idee für Idee, Projekt für Projekt sollen Bürger zum Mitmachen und Mitdenken angeregt werden. Zum Wohle aller.

Text: Steffan Heuer, Fotos: Katharina Poblotzki, Robert Grischek
Kris Carter ist zusammen mit Nigel Jacob der führende Kopf hinter MONUM, einer der wohl ungewöhnlichsten Behörden in Amerika
Kris Carter ist zusammen mit Nigel Jacob der führende Kopf hinter MONUM, einer der wohl ungewöhnlichsten Behörden in Amerika

Die Parkuhren in Bostons Szene-Stadtteil Seaport haben es in sich: In den Gehäusen versteckte Sensoren haben knapp 600 Parkplätze im Blick, um je nach Belegung, Wochentag und Uhrzeit den Preis pro Minute anzupassen. Ein paar Kilometer weiter, in Back Bay, versucht die Stadt das Parkplatzproblem mit einer komplett anderen Methode in den Griff zu bekommen.

Ein Programmierer läuft jeden Tag mit einem Tablet die Strassenzeilen sorgfältig renovierter Backsteinvillen ab und notiert nicht nur, welche der 1650 Stellplätze belegt sind, sondern wie viele Fahrer mit einer Anwohnergenehmigung parken und wer mit Karte oder Handy bezahlt.

Die Datenströme landen in einer App, mit der Autofahrer schneller einen Park platz finden können. Ob es ums Parken geht, um besonders gefährliche Zebrastreifen, das schnelle Ausbessern von Schlaglöchern, selbst das Kartografieren der urbanen Mikroorganismen in der Kanalisation: Boston hat für (fast) jede Lebenslage und fast jedes grossstädtische Problem einen digitalen Dienst parat.

Vernetzte Intelligenz soll den über 670 000 Einwohnern und Kommunalbeamten gleichermassen helfen, sich besser, sicherer und, so hört man, «mit guter Laune» durch den Alltag zu bewegen. Denn all das – und noch viel mehr – gehört zum Konzept Smart City.

Städte in aller Welt investieren in Hard- und Software, um möglichst viele Bestandteile ihres Kommunalbetriebs zu vernetzen und so intelligenter zu machen. Als das US-Verkehrsministerium Ende 2015 landesweit dazu aufrief, die besten Ideen für eine Smart City einzureichen, schickten 78 Städte von Anchorage bis Washington D. C. ihre Bewerbung ein. Boston ging zwar nicht als Sieger durchs Ziel, aber nirgendwo sonst wird so viel experimentiert wie in der Neuengland-Metropole – und zwar mit Diensten und Daten, die weit über die reine Mobilität hinausgehen.

Der Begriff Smart City ist problematisch, weil er suggeriert, Technologie sei immer die richtige Lösung. Dabei geht es um etwas ganz anderes – manchmal reicht schon ein besseres Design. Man sollte viele neue Ansätze ausprobieren, um die Lebensqualität für mehr Menschen zu verbessern.

«Die Antwort besteht nicht nur aus mehr Sensoren oder noch mehr Software», sagt Nigel Jacob, einer der beiden Chefs der wohl ungewöhnlichsten Behörde Amerikas. «Mayor’s Office of New Urban Mechanics», kurz MONUM, nennt sich das Team aus rund einem Dutzend Spezialisten – vom Ökonomen und Soziologen bis zur Game-Designerin. Die postindustriellen Handwerker haben seit 2010 an 300 bis 400 Projekten geschraubt – von intelligenten Parkuhren bis zu unkonventionellen Versuchen, Senioren mit jungen Bewohnern in Kontakt zu bringen, um so das Problem erschwinglichen Wohnraums für beide Gruppen zu lösen.

In Cambridge, einer Nachbarstadt von Boston, steht das Massachusetts Institute of Technology (MIT), unter anderem Heimat des Senseable City Lab, das von Carlo Ratti geleitet wird.

MONUM versucht, erfolgversprechende Projekte rasch voranzutreiben – andere werden eingestellt. «Wir wollen eine urbane Innovationskultur schaffen und der Inkubator sein, der die ganze Stadt als sein Labor benutzt», erklärt Jacobs Kollege Kris Carter. «Mechaniker trifft unsere Aufgabe sehr gut, denn wir legen wirklich Hand an – von der Mobilität der Zukunft bis zu Fragen der sozialen Fairness. Wenn man vom Verkehrsfluss spricht, sollte man nicht nur an Park-Apps oder Tests mit autonomen Fahrzeugen denken, sondern auch fragen, ob Senioren Angst haben, eine Kreuzung zu überqueren. Bei dieser Exploration kann und sollte jeder mitmachen.»

So entwickelte Carters Team mit Game-Designern einer örtlichen Hochschule Computerspiele, die Bürger spielerisch bei der Stadtplanung mitreden lassen. Boston ist nach dem Silicon Valley die zweitbeste Adresse in den USA, wenn es um die Dichte von Spitzenuniversitäten, ehrgeizigen Unternehmern und risikobereiten Investoren geht, die gemeinsam die Urbanität von morgen entwerfen wollen.

Hier sind die Boston University, Harvard, das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und knapp 100 weitere Hochschulen und Colleges zu Hause, mit Informations- und Biotechnologie als Königsdisziplinen. Die Dichte von Kommerz und Kuriosität lässt sich im Stadtleben spüren. Die vor fast 400 Jahren gegründete Hafenstadt ist ein fotogenes Gemisch aus gut bewahrter Kolonialarchitektur und moderner Skyline. Handel und Wandel bringen aber auch Probleme. Einwohner können ein Lied singen vom Dauerstau auf den engen, verwinkelten Strassen der Innenstadt sowie auf den Stadtautobahnen und in den vielen Tunnels, etwa um zum der Stadt vorgelagerten Flughafen zu gelangen.

Bei neuen Mobilitätskonzepten war Boston schon immer Vorreiter: 1897 öffnete hier Amerikas erste U-Bahn-Linie ihre Tore. «Boston gehört auf jeden Fall zu den Top-Städten, die mit Smart-City-Ansätzen experimentieren, insbesondere bei der Bürgerbeteiligung. Man setzt Crowdsourcing ein, um Menschen zum Mitmachen zu bewegen», urteilt Carlo Ratti. Der italienische Architekt ist Leiter des Senseable City Lab am MIT. Wenn es eine erste Adresse auf der Welt für Innovationen rund um lebenswerte Städte der Zukunft gibt, dann in Rattis Labor in Cambridge, Bostons kleinerer Nachbarstadt auf der anderen Seite des Charles River. Der MIT-Professor, der ein zweites Labor in Singapur eingerichtet hat, lässt keinen Zweifel am tief greifenden Effekt des Smart-City-Gedankens.

«Das Internet hält Einzug in unsere Umwelt und entwickelt sich zum Internet der Dinge. Das erlaubt es uns, mit unserer Umgebung auf neue Art umzugehen. Gebäude und ganze Städte werden sich besser auf uns einstellen», erwartet Ratti und schiebt nach: «Technologie macht das alles möglich, aber sie ist immer nur ein Mittel zum Zweck, um die Lebensqualität zu verbessern.»

An unkonventionellen Ideen, wie vernetztes Stadtleben gehen soll, herrscht in Cambridge kein Mangel. Thomas Matarazzo etwa ist auf den ebenso simplen wie genialen Einfall gekommen, Millionen von Pendlern zu benutzen, um städtische Infrastruktur besser zu überwachen.

Smartphones im Auto sollen ein Livebild jeder Brücke zeichnen. Anstatt sich auf Brückenprüfungen im Zweijahresrhythmus zu beschränken, hat er eine Methode entwickelt, um aus Tausenden täglicher Fahrten über jede beliebige Grossstadtbrücke ein individuelles Vibrationsprofil herauszufiltern. Der Beschleunigungsmesser in jedem modernen Handy ersetzt stationäre und teure Sensoren. «Eine mobile App mag zwar nicht so präzise sein», sagt Matarazzo nach ersten Tests in Boston, «doch man kann ganz klar Abweichungen von den normalen Schwingungen einer Brücke erkennen.»

Wenn nur genug Bürger ein Stück ihres täglichen Wegs von und zur Arbeit teilen, kann Crowdsourcing preiswert und schnell für mehr Sicherheit sorgen. Dazu muss man wissen: Allein in den USA überqueren jeden Tag rund 200 Millionen Fahrzeuge eine Brücke – bereits jeder hundertste Fahrer würde ausreichen, um einen verlässlichen digitalen Fingerabdruck für ein Bauwerk anzulegen.

«Das Handy ist nur der Anfang», setzt Matarazzo mit leuchtenden Augen nach. «Autonome Fahrzeuge werden viel mehr Sensoren besitzen, um ihre städtische Umgebung zu messen. Deswegen wird die nächste Phase der Mobilität jede Menge neue Anwendungen ermöglichen.» Die Gründerinnen von Soofa, Sandra Richter und Jutta Friedrichs, haben den Sprung von der akademischen Welt in die Start-up-Szene bereits geschafft. Die beiden Deutschen entwickeln vernetzte Strassenmöbel, die Bürger zusammenbringen sollen. Ihre Bänke in leuchtendem Rot und Hellgrau stehen bereits in 75 Städten von Austin bis Los Angeles, 40 Stück allein am Heimatort Boston.

Da die Bänke eigene Solarzellen besitzen, können Passanten dank eingebauter USB-Stecker schnell ihr Smartphone aufladen – und kommen so unweigerlich ins Gespräch. «Manche Leute putzen sogar die Solarzellen der Bank in ihrem Viertel regelmässig. Das zeigt, dass Technologie für eine moderne Stadt immer eine soziale Komponente haben muss», sagt Sandra Richter. Im Inneren verbirgt sich modernste Technik: Sensoren fragen die Umgebung nach den sogenannten MAC-Adressen von Handys der Vorbeigehenden ab und bündeln sie anonym, sodass Stadtplaner im Zeitverlauf beobachten können, welche Plätze oder Parks wie stark genutzt werden und gegebenenfalls mehr Wartung benötigen.

Ihre nächste Innovation für urbane Räume steht schon bereit: Das «Soofa Sign» ist eine grossformatige, mit energiesparender E-Ink-Technologie ausgestattete Infotafel, um Bürger mit hyperlokalen Nachrichten, Verkehrsinformationen und Werbung zu versorgen. Kommunen, Verkehrsbetriebe und kommerzielle Kunden wie der Buchladen um die Ecke können jede einzelne Tafel mit einer App ansteuern.

Neue Mobilität ermöglicht neue Anwendungen

Wie werden all diese Smart-City-Ideen den Alltag der Bürger verändern? Wie lässt sich eine Balance zwischen mehr digitalem Komfort und der Sorge um ständige Datenerhebung finden? Die positiven wie negativen Folgen der Vernetzung beschäftigen Kate Darling. Die Schweiz-Amerikanerin ist Juristin und Roboterethikerin und untersucht am MIT Media Lab das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Maschine.

«Science-Fiction zeigt uns, wie man eine emotionale Beziehung zu Maschinen entwickelt. Aber es gibt auch biologische Gründe dafür: Wir neigen dazu, Dinge in unserer Umwelt zu vermenschlichen. Wir sehen überall Gesichter – selbst Babys fangen schon damit an. So lernen wir, uns mit nicht menschlichen Wesen auseinanderzusetzen.

Bei Robotern wird es richtig spannend, denn sie kombinieren eine handfeste Gestalt mit Bewegung. Wir sind von der Natur vorprogrammiert, jede Art von Bewegung, die wir wahrnehmen, als autonome Handlung zu interpretieren.» Noch weiss niemand, ob und wie wir unser Verhalten anpassen werden, aber «wir alle wollen diese Technologie, weil sie bequem ist. Doch vielen dieser Systeme fehlt noch der praktische Nutzen. Designer haben eine Menge Arbeit vor sich.»

Und ein guter Teil davon passiert direkt vor Darlings Haustür, in Boston.

Aus dem Labor in die Wirtschaft: Zwei der Gründerinnen von Soofa, Jutta Friedrichs und Sandra Richter, haben den Sprung in die Start-up-Szene bereits geschafft.

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