So viel Zukunft ist heute schon

Selbstfahrende Fahrzeuge, Car- und Bike-Sharing verändern unsere Mobilität. Autos, Züge und Velos werden bald ohne Unterbruch untereinander und mit uns kommunizieren. Was früher der SBB-Fahrplan und das Billett waren, sind jetzt Sites und Apps.

Von Max Fischer

Wussten Sie schon? In verschiedenen Schweizer Städten sind heute schon Busse ohne Chauffeur unterwegs. Die smarten Shuttles kann man unter anderem in Schaffhausen und Zug benutzen. Auch die Post mischt mit: Autonome Postautos verkehrten schon in Sion und in Bern.

Autonom fahrende Autos und neue professionelle Anbieter werden den privaten Autoverkehr und den ÖV auf den Kopf stellen. Davon sind die Spezialisten von Mobility überzeugt. «Die technische Entwicklung wird schneller voranschreiten als die Gesetzgebung», ist Patrick Eigenmann überzeugt. Doch spätestens in 25 Jahren sei auch diese Hürde überwunden.

Und das Schönste: Autofahren wird künftig sicherer und attraktiver. Heute werden 90 Prozent aller Unfälle durch menschliches Versagen verursacht. Und statt das Auto zu lenken kann der Fahrer bald wie im Zug arbeiten, lesen und essen. Mit dem ersten Einsatz von autonomen Fahrzeugen rechnet Mobility-Kommuniaktionschef Eigenmann auf Autobahnen: «Da gibt es keinen Mischverkehr mit Fussgängern und Velos sowie Ampeln.»

Mobility sieht sich als Vorreiter im Bereich autonomer Autos. In der Schweiz werde es in nicht allzu ferner Zukunft völlig normal sein, per Knopfdruck ein selbstfahrendes Fahrzeug zu bestellen und sich zum gewünschten Ziel chauffieren zu lassen. «Das ermöglicht Carsharing im grossen Stil», so Eigenmann. Denkbar seien Autos für individuelle Einzelstrecken wie auch Sammeltaxis.

Ohne Chauffeur durch die Stadt: Ein EZ10-Shuttle in Zug. (Keystone/Urs Flüeler)
Ohne Chauffeur durch die Stadt: Ein EZ10-Shuttle in Zug. (Keystone/Urs Flüeler)

Derzeit testet das Unternehmen zusammen mit den SBB und den Zugerland Verkehrsbetrieben in Zug einen Shuttle ohne Chauffeur. Dieser wird zwischen dem Bahnhof und dem Technologiecluster Zug auf dem Areal der V-Zug verkehren. «Kürzlich fand das Mapping statt: Der Shuttle lernte in Schrittgeschwindigkeit die zukünftige Strecke kennen.» Der kleine Bus bietet Platz für neun Personen, sechs können sitzen. Er ist mit 20 km/h unterwegs. Momentan werden Sicherheitsfahrer ausgebildet, die bei Bedarf manuell in das Fahrverhalten des Shuttles eingreifen können. Wenn das Okay vom Bundesamt für Strassen kommt, kann das Pilotprojekt starten. «Es soll zeigen, wie selbstfahrende Shuttles in ein bestehendes Verkehrssystem integriert werden können.»

Zum Einsatz kommt in Zug ein EZ10 von EasyMile, einem Start-up aus dem französischen Toulouse. Unterwegs ist er mit Elektroantrieb. Auch bei den Bussen verdrängen revolutionäre Innovationen im Bereich der E-Mobilität immer mehr herkömmliche Benzin- und Dieselfahrzeuge. Die Verkehrsbetriebe Zürich beispielsweise testen einen mitdenkenden Bus. Und in Genf ist die schnellste Ladetechnologie der Welt im Einsatz. Sie sorgt für den nötigen Pfus, um die weltweit ersten zwölf elektrischen Gelenkbusse ohne Oberleitung vorwärts zu bringen (siehe unten).

Der Swiss Trolley Plus ist der erste, der auch ohne Oberleitung in Fahrt bleibt. (Anja Wurm)
Der Swiss Trolley Plus ist der erste, der auch ohne Oberleitung in Fahrt bleibt. (Anja Wurm)

Der Servicegedanke wird in Zusammenhang mit Mobilität immer wichtiger. In kurzer Zeit hat Uber nicht nur das Taxigewerbe, sondern auch den ÖV aufgemischt. Bald wird es andere neue Mobilitätsanbieter geben. Dank der Digitalisierung mit Internet, Mobile, GPS und Apps werden Angebot und Nachfrage leicht und einfach auf Online-Plattformen zusammengebracht. Immer mehr Entwicklungen laufen in der Software statt der Hardware ab, stellt auch das Gottlieb-Duttweiler-Institut GDI fest. Laut einer Studie benötigen Innovationen deshalb nicht mehr Jahrzehnte der Planung. Sie können heute geplant und morgen umgesetzt werden. Anders als bei neuen Verkehrswegen und Rollmaterial sind Aufwand und Kosten gering. Als Beispiel nennt das GDI die vielen neuen Sharing-Konzepte: Jederzeit ein Auto zur Verfügung haben und doch keines besitzen.

Zum Beispiel Sharoo. «Mit unserer Plattform ermöglichen wir es nicht nur Privatpersonen, sondern auch Firmen und Gemeinden, ihre Autos ausserhalb der eigenen Nutzungszeiten an Dritte zu vermieten», sagt Geschäftsführerin Carmen Spielmann. Vermieter könnten die Auslastung ihrer Fahrzeuge optimieren und ihre Fixkosten senken. Der Automieter profitiere von kostengünstiger und ökologisch sinnvoller Mobilität auf Abruf. «Weltweit gibt es über eine Milliarde Fahrzeuge, die im Schnitt nur zu vier Prozent ausgelastet sind», so Spielmann. Das will Sharoo ändern.

85’000 Kunden in der Schweiz mit Schwerpunkt in den Ballungszentren Zürich, Basel und Bern sind bereits von der neuen Lösung überzeugt – Private, Firmen und Wohnungsüberbauungen. Aber auch Investoren wie Mobility, Mobiliar, Migros und als Haupaktionärin die Amag sind von der Idee überzeugt.

Besonders beliebt sind Elektroautos. Aber auch sportliche Fahrzeuge werden laut Spielmann häufig gebucht. «Unsere Kunden buchen die Autos spontan, so vergehen bei den meisten Buchungen nicht einmal 24 Stunden zwischen der Bezahlung und dem Öffnen der Autotüre mit dem Smartphone», weiss Spielmann. Im Schnitt werden die Autos für neun Stunden gebucht und rund 70 Kilometer gefahren. Ein Blick auf die Webseite zeigt: Verfügbar sind beispielsweise ein VW Golf für 60 Franken im Tag. Oder praktisch für den Transport: ein Ford Transit für 140 Franken.

Ein anderes Beispiel ist Catch a car. Für die Mobility-Tochter sind in Basel 150 Autos im Einsatz. Eine Stunde kostet 18 und ein Tag 88 Franken. Seit diesem Frühjahr setzt das Unternehmen erste E-Cars ein. Noch umweltfreundlicher fahren die Nutzer in Genf: Dort werden sämtliche 100 Autos durch CO2-neutrales Biogas angetrieben. Aktuell zählt Catch a car 10’000 Mitglieder. CEO René Maeder: «Eine ETH-Studie zeigt, dass ein Catch a car vier Privatautos ersetzt.» Praktisch: Catch a car ist auch auf der Reiseplaner-App der SBB aufgeschaltet.

Nur 1,5 Personen pro Auto

Mobility passt sich laufend den neuen Bedürfnissen der Kunden an. Dieses Frühjahr stellte das Unternehmen seine neue Mitfahr-App vor. «Im Schnitt sind nur 1,5 Personen in einem Auto unterwegs, im Pendelverkehr gar nur 1,1», sagt Patrick Eigenmann. Das heisst: Wenn 100 Personen täglich zwischen Luzern und Zürich mit dem Auto pendeln, benutzen sie 90 Autos. Das macht weder ökonomisch noch ökologisch Sinn. «Deshalb haben wir Mobility Carpool lanciert», so Eigenmann. Darüber lassen sich nicht nur Fahrten mit Carsharing-Autos teilen, sondern auch mit Privatautos. Eine Win-Win-Situation: Der Fahrer reduziert seine Kosten, der Mitfahrer kommt schnell und günstig von A nach B – und die Umwelt wird auch noch geschont. Die Vergütung ist fix: Ein Passagier zahlt zwischen 3 Franken (bis 10 Kilometer) und im Maximum 18 Franken (ab 150 Kilometern). Davon gehen 80 Prozent an den Fahrer, der Rest an Mobility.

Der Heimweg dauert etwas länger: Vor dem Gotthard-Südportal auf der A2 staut sich der Rückreiseverkehr. (Archivbild)
Der Heimweg dauert etwas länger: Vor dem Gotthard-Südportal auf der A2 staut sich der Rückreiseverkehr. (Archivbild)

Attraktiv im Sommer: In verschiedenen Städten bietet Mobility 30 Audi A3-Cabrios an. Und in Zürich können User zudem 200 elektrische Scooter für Fahrten von A nach B mieten. So will das Unternehmen auch den vorwiegend jüngeren Fahrern die Thematik um die CO2-Reduktion auf praktische Art näherbringen.

Perfekt für den Sommer: Mobility hat auch Audi-A3-Cabrios im Angebot. (Audi)
Perfekt für den Sommer: Mobility hat auch Audi-A3-Cabrios im Angebot. (Audi)

Auch Arbeitgeber verbessern mit E-Ideen das Mobilitätsverhalten ihrer Mitarbeitenden. Zum Beispiel die Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern mit 1200 Beschäftigten. Wer mit dem ÖV zur Arbeit kommt, erhält einen Rail Check für bis 500 Franken pro Jahr. Für alle, die zu Fuss, mit dem Velo oder dem Motorrad ins St. Anna unterwegs sind, gibts einen Gutschein von bis zu 500 Franken für ein Sport- oder Bekleidungsgeschäft. Wer ausserhalb des definierten ÖV-Rayons wohnt, darf das Auto nehmen. Der Mitarbeitende profitiert in diesem Fall von einem vergünstigten Parkplatz. Die Angebote wirken: Früher kamen 40 Prozent mit dem Auto zur Arbeit – jetzt nur noch 27 Prozent!

«Sharing-und Pooling-Modelle dürften weiter zunehmen, was gut ist», sagt Verkehrsministerin Doris Leuthard. Wenn Automobilisten zu zweit oder zu dritt fahren und dafür für den Firmenparkplatz weniger bezahlen müssten, werde es für sie interessant. In anderen Ländern würden Autos mit mehreren Mitreisenden von privilegierten Fahrstreifen profitieren. «Das ist in der kleinräumigen Schweiz wohl nur vereinzelt möglich. Man könnte dies aber bei Ein- und Ausfahrten prüfen», schlägt die Bundesrätin vor.

Letzter Kilometer mit Velo

Was mit Autos und Scootern funktioniert, geht auch mit Velos. In Zürich fallen die grüngelben Fahrräder von weitem auf. Die Amerikaner von LimeBike möchten mit ihrem stationslosen Verleih dazu beitragen, dass Pendler für den letzten Kilometer zum Arbeitsplatz ein Velo nutzen. 30 Minuten kosten einen Franken. Das Start-up aus dem Silicon Valley hat in den USA bereits nach einem Jahr die 2 Millionengrenze an Fahrten geknackt und ist der grösste Anbieter des Free-floating Bikesharing in den USA. So einfach geht’s: App downloaden und Velo in der Nähe finden. Das Velo mit der App und dem QR-Code öffnen und losfahren. Und irgendwo in Zürich parken und abschliessen.

LimeBikes (links) und andere per App mietbare Velos sind schon in verschiedenen Schweizer Städten verfügbar. (Keystone)
LimeBikes (links) und andere per App mietbare Velos sind schon in verschiedenen Schweizer Städten verfügbar. (Keystone)

Über 2000 Züri-Velo von PubliBike laden zum Trampen ein. Das Spezielle: Die Fahrräder wurden speziell für Bikesharing entwickelt. Die Räder sind kleiner und dadurch wendiger als übliche Velos. Der Zugang mit App, Internet, SwissPass und Kreditkarte ist einfach. Der Kunde sieht in Echtzeit, wie viele Velos und E-Bikes an der gewünschten Station verfügbar sind. In der Regel benutzen die Fahrer das Velo weniger als eine halbe Stunde pro Fahrt. Die ersten 30 Minuten sind gratis, wenn man ein Abo hat (50 Franken für die günstigste Variante). Auch in Bern ist PubliBike aktiv: An 60 Stationen können Ende Juni 700 Velos gemietet werden. Im Herbst will das Unternehmen 100 Standorte mit 1200 Ausleihvelos anbieten. Wer den Ferrari unter den E-Velos fahren will, wird auf der Sharing-Plattform smide fündig: Sie hat exklusive Stromer-Modelle im Angebot.

Auch als Packesel machen Velos eine gute Falle. Imagine Cargo setzt auf mit bis zu 300 Kilogramm beladbare und mit erneuerbarem Strom betriebene Last-Trikes. Und auf Bahn-Velo-Transportlösungen. Die Kombination aus innerstädtischem Velokurier und Transport mit der Bahn für längere Strecken zwischen Städten sorgt dafür, dass ein Paket mit Imagine Cargo rechnerisch lediglich ein Prozent des CO2-Ausstosses gegenüber dem Transport mit einem herkömmlichen Kurier verursacht.

So funktioniert es: Velokurier A holt die Sendung beim Absender ab und bringt sie zum Bahnhof. Mit dem Zug fährt das Paket in die Zielstadt. Dort kommt Velokurier B und stellt die Sendung dem Empfänger zu. Dieses System läuft in 30 Städten und in drei Ländern. Fakt ist: Der Onlinehandel boomt. Immer mehr Menschen kaufen und retournieren in Europa und Übersee unzählige Artikel. Hier liegt für ein riesiges Potenzial zur Reduktion von CO2-Emissionen. Die Schweizer Stiftung myclimate hat ausgerechnet: Das ausgestossene CO2 ist oftmals schwerer als die gelieferte Ware. Ein fünf Kilogramm schweres Paket verursacht bis zu 12 Kilogramm CO2, wenn es 800 Kilometer unterwegs ist.

Nicht nur im kommerziellen Bereich liegen Lastenvelos im Trend. Wer eines für sich selber braucht – beispielsweise um sein Kind mitzunehmen – wird in vielen Schweizer Gemeinden bei carvelo2go fündig.

1000 Tonnen weniger CO2

Elektrobusse machen Dieselfahrzeugen das Leben schwer. Die Verkehrsbetriebe Zürich testen einen mitdenkenden Elektrobus mit revolutionärer Batterie.

In Genf fährt auf Linie 23 die Zukunft. Die weltweit ersten zwölf elektrischen Gelenkbusse, die ohne Oberleitung auskommen. Der Clou: das Blitz-Ladesystem «Tosa». Die schnellste Ladetechnologie der Welt des führenden Technologiekonzerns ABB benötigt weniger als eine Sekunde, um den Bus mit der Ladestation zu verlinken. Und während die Fahrgäste aus- und einsteigen wird der Bus 15 Sekunden lang mit 600 kW geladen. 13 Schnellladestationen sind an Haltestellen montiert. Im Vergleich zu Dieselfahrzeugen werden in Genf jährlich auf 600’000 Kilometern bis zu 1000 Tonnen CO2 eingespart. Dafür gab es vom Bundesamt für Energie die Auszeichnung «Watt d’Or».

In Genf fährt die Zukunft mit dem Swiss Trolley Plus schon. (Keystone)
In Genf fährt die Zukunft mit dem Swiss Trolley Plus schon. (Keystone)

Ein weiteres Beispiel für zukunftsweisende Elektromobilität ist der Swiss Trolley Plus. Er kombiniert Stromversorgung über die Fahrleitung mit modernster Batterietechnologie. Die heute eingesetzten Trolleys müssen auf Teilstrecken ohne Fahrleitung normalerweise mit einem Hilfs-Dieselmotor auskommen. Anders der Swiss Trolley Plus: Seine Hochleistungs-Traktionsbatterie erlaubt mühelose Fahrten auch ohne Fahrleitung. Die Verkehrsbetriebe Zürich testen zurzeit das mitdenkende Fahrzeug: Der Bus lernt während der Fahrt Strecke samt Baustellen kennen und kann so immer die optimale Route finden. So ist es wenig sinnvoll, wenn der Bus mit voller Batterie abwärts fährt – denn dann wandelt er die Energie konsequent in Strom um und lädt so die Batterie. Der lautlose Bus verbraucht so bis zu 15 Prozent weniger Energie.

Noch ein Knüller: OppCharge – kurz für Opportunity Charging. Diese Technik lädt Elektrobusse verschiedener Hersteller an den Endstationen auf. Mit der ABB-Schnellladestation geschieht das mit mehreren Hundert Kilowatt und dauert bloss drei bis sechs Minuten. Dann hat der Bus genug elektrische Energie für die nächste Runde durch die Stadt. OppCharge bewährt sich bereits in Städten in Belgien, Luxemburg und Grossbritannien.

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