Bauer Aregger erntet jetzt Wind

Windenergie produzieren, um sinkende Milchpreise zu kompensieren: Als erste Bauern setzten Roland Aregger und seine Familie vor 14 Jahren auf ihrem Hof Feldmoos in Entlebuch LU auf Strom von grossen Windturbinen.

Von Max Fischer (Text) und Stefan Bohrer (Fotos)

Heute ist es neblig. Dumpf rauschen die 26 Meter langen Rotoren. Bei klarer Sicht hat man vom 60 Meter hohen Turm der ersten Grossanlage für Windenergie auf einem Schweizer Bauernhof einen herrlichen Panoramablick.

Der vernebelte Panoramablick von einer Windanlage zur nächsten.
Der vernebelte Panoramablick von einer Windanlage zur nächsten.

Ein Fernsehbeitrag brachte die Areggers auf die Idee, auf Windenergie anstatt auf Milchkühe zu setzen. Wegen schlechten Einspeisetarifen liessen sie das Projekt Anfang der Neunzigerjahre aber zunächst wieder fallen.

Doch die Idee liess Roland Aregger und seiner Familie keine Ruhe. «1996 sah ich in der deutschen Landwirtschaftszeitung ‹top agrar› ein Inserat einer dänischen Firma für eine 600-Kilowatt-Windenergie-Anlage», erinnert sich der Windpionier.

Ein ganzes Jahr Vorarbeit

Ein Jahr lang zeichnete die Familie die Windgeschwindigkeit auf und versuchte, die Technik zu verstehen. Parallel dazu klärten Fachleute ab, ob die Anlage die Anforderungen an Luftfahrthindernisse, Richtfunkstrecken und Vogelzüge erfüllt. Auch eine Vorprüfung durch den Kanton kam zu keinem No Go.

Ein Jahr lang wertete Familie Aregger Daten aus, bevor der Entscheid für die Anlage fiel.
Ein Jahr lang wertete Familie Aregger Daten aus, bevor der Entscheid für die Anlage fiel.

Roland Aregger wertete die erhobenen Windgeschwindigkeitsdaten aus und verglich sie mit jenen der umliegenden Wetterstationen. «Vor allem im Winter ging hier oben immer ein stürmischer Wind», erinnert er sich. Und in der Tat: Mit den positiven Ertragsprognosen und den inzwischen besseren Vergütungen für erneuerbare Energien konnte Aregger mit einem wirtschaftlichen Betrieb einer Windanlage rechnen.

2003 sagten die Einwohner Ja

Zuerst überzeugte er seinen Nachbarn, Ende 1999 bewilligte der Gemeinderat statt einer Ausnahme in der Landwirtschaftszone eine «Sonderzone Windkraftanlagen». Diese wurde in den Zonenplan Landschaft integriert. Und im Dezember 2003 sagten auch die Einwohner an der Gemeindeversammlung einstimmig Ja zum Projekt. Mit seinen Brüdern und seinem Vater gründete Roland Aregger die Windpower AG. 2005 errichtete das Unternehmen die erste Anlage, 2011 kam die zweite hinzu. Investiert hat die Gesellschaft rund 2 Millionen Franken.

Aus Milchbauer Roland Aregger ist ein Windenergieprofi geworden.
Aus Milchbauer Roland Aregger ist ein Windenergieprofi geworden.

Heute – 14 Jahre später – stehen bei Areggers jeden Tag 20 Milchkühe auf der Weide. Doch nicht nur das: Aus Bauer Aregger ist ein Windenergieprofi geworden. Im Dorf Entlebuch betreibt der heute 45-Jährige ein Beratungs- und Planungsbüro für Fragen rund um die Windenergie. Das regelmässige Rauschen stört weder Areggers selber noch die Nachbarn, der Verkehr sei lärmiger, heisst es im Dorf. Und auch tote Vögel findet man auf den Feldern keine.

Eine Anlage produziert Strom für 250 bis 280 Haushalte.
Eine Anlage produziert Strom für 250 bis 280 Haushalte.

Roland Aregger ist fasziniert von seinem Windkraftwerk. «Der grosse Vorteil ist, dass die erzeugte Energie erneuerbar ist», sagt er stolz. Auch lasse sich eine Anlage einfach zurückbauen. Er produziere vor allem bei schlechtem Wetter. «Zwei Drittel der Produktion machen wir im Winterhalbjahr», sagt er. «Der Energiegehalt des Windes nimmt mit der dritten Potenz zu», so Aregger. Aus diesem Grund sind die Windverhältnisse massgebend für den wirtschaftlichen Betrieb. «Die Bandbreite zwischen rentabel oder unrentabel ist sehr schmal.» Die beiden Anlagen der Areggers produzieren jährlich Ökostrom für je 250 bis 280 Haushalte.

Roland Aregger auf dem Weg zur einer seiner Windturbinen.
Roland Aregger auf dem Weg zur einer seiner Windturbinen.

Die Windenergie ist in der Schweiz ein Standbein der Energiewende. Bundesrat und Parlament haben 2011 entschieden, die Schweizer Kernkraftwerke am Ende ihrer Laufzeit nicht zu ersetzen. Dafür werden die Energieeffizienz und Strom aus erneuerbarer Energie wie Wasserkraft, Solarstrom oder auch Windenergie verstärkt gefördert. 

Trotzdem stösst die Windenergie in der Schweiz auf starken Gegenwind. Arten- und Landschaftsschützer wehren sich bei jedem neuen Projekt. Und der aktuellste Windatlas der Schweiz zeigt zum Teil leicht tiefere durchschnittliche Geschwindigkeiten als bei der letzten Kalkulation 2016. Gemäss den Bundesämtern für Raumplanung und für Energie bleiben die Windpotenzialgebiete aber weitgehend unverändert.

Aus 122 Gigawattstunden sauberer Energie sollen 4300 werden

Konkret sieht der Bund Potenzial im Waadtland, rund um Genf, entlang des Juras und in der Ostschweiz sowie im Emmental. Gebiete in den Kantonen Aargau, Baselland und Luzern klassiert das Bundesamt etwas weniger gut. Gemäss Suisse Eole, der Vereinigung zur Förderung der Windenergie in der Schweiz, produzierten die 37 Gross-Windenergieanlagen im vergangenen Jahr 122 Gigawattstunden sauberen Windstrom. Dies entspricht dem Verbrauch von 36’500 Haushalten oder weniger als 0,2 Prozent des gesamten schweizerischen Stromverbrauchs. Die genauen Angaben und Standorte finden sich auf den Online-Karten des Bundes.

Für die Umsetzung der Energiestrategie 2050 muss der Wind aber bedeutend stärker blasen: Angepeilt werden bis zum Jahr 2035 insgesamt 1’800 Gigawattstunden und bis 2050 total 4’300 Gigawattstunden. Das erfordert den Bau von zusätzlich 600 bis 800 Windenergieanlagen oder 60 bis 80 Windpärken mit je zehn Anlagen. Damit könnten rund 7 Prozent des gesamtschweizerischen Energieverbrauchs gedeckt werden. Zum Vergleich: In Deutschland entstanden in den Spitzenzeiten jährlich 1000 Anlagen.

Technologie als Chance, Verfahren als Hürde

Windenergie-Pionier Roland Aregger bleibt optimistisch: «Eine grosse Chance ist die Tatsache, dass die Anlagen immer leistungsfähiger werden», sagt er. Die grösste Hürde für Interessenten sei in der Schweiz das langwierige Bewilligungsverfahren.

Die Bandbreite zwischen rentabel oder unrentabel sei sehr schmal, sagt Aregger.
Die Bandbreite zwischen rentabel oder unrentabel sei sehr schmal, sagt Aregger.

Der grösste Markt für Windenergie liegt in Asien, wo China mit total 188’000 Gigawatt installierter Leistung die führende Rolle einnimmt. Das sind je nach Windverhältnissen 380 Terawattstunden – rund 5 bis 6 mal des schweizerischen Stromverbrauchs.

Weltmeister beim Anteil Windenergie am landesweiten Strommix ist hingegen Dänemark: Dort deckt der heimische Windstrom gemäss Energie Schweiz 39 Prozent des nationalen Strombedarfs. In Deutschland steuert Windenergie bereits nahezu zehn Prozent zum Inlandstrombedarf bei.

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