Skigitale Revolution

Swiss-Ski jagt den Vorsprung, wo Audi die neusten Entwürfe testet: im Hightech-Windkanal in Ingolstadt.

Björn Bruhin spricht von einem «Schlüsselerlebnis». «Ich war im letzten Jahr im Sommer beim Gletschertraining dabei. Ich sass mit zwei Athleten in einer Gondel. Die kramten ihre Handys hervor und begannen, ihre Werte zu vergleichen», sagt der Forschungskoordinator des Schweizer Skiverbands Swiss-Ski. Die Sportler checkten keine WhatsApp-Nachrichten, sondern ihre Trainingswerte: «Sie hatten eigene Apps installiert, um ihre Geschwindigkeit zu messen, und ihre Handys auf die Trainingsfahrten mitgenommen», sagt der 34-Jährige.

Diesen Sommer spielte in einzelnen Swiss-Ski-Teams eine andere App eine wichtige Rolle: eine, die Bruhin aufgebaut hat. «Ein Pilotprojekt», sagt er, «es geht darum, die aktuelle Leistungsentwicklung der Athleten überall verfügbar zu machen. Damit man nicht mehr bis zum Ausdruck warten muss oder bis die Auswertung per PDF kommt.» Daten seien beim Skiverband schon vorhanden, «es gibt genug Messwerte, sie müssen aber sauber erfasst werden, damit sie anschliessend einfacher miteinander vernetzt werden können».

Björn Bruhin, Forschungskoordinator Swiss-Ski.
Björn Bruhin, Forschungskoordinator Swiss-Ski.

Swiss-Ski funktioniert dabei ein bisschen wie ein Softwareunternehmen in der Beta-Phase: «Wir gehen zunächst mit der ‹Schrotflintenmethode› vor und schauen uns alle Daten an, die erfasst werden können. Anschliessend finden wir in den Diskussionen mit den Trainern die wirklich wichtigen Werte und blenden alle anderen aus», sagt Bruhin. «Die App soll schnell sein und einen Mehrwert generieren. Daran arbeiten wir.» Bruhin war früher selbst Athlet, dann Trainer, bevor er in die Wissenschaft wechselte. Die Daten, sagt Bruhin, sollen den Trainer niemals ersetzen. Aber smarter machen: «Wenn ein Trainer eine Idee hat, soll er die ganz einfach überprüfen können: Geht das auf? Intuition braucht es auch in Zukunft. Aber ich hoffe, dass man die Entscheidungen bald besser abstützen kann.»

Daten als Motivation

Kommt es im Skisport bald zum Daten-Wettrüsten? Dass die Digitalisierung zum Erfolg beitragen kann, weiss auch Trainerlegende Karl Frehsner, 80. Ein «Digital Shaper» war der Österreicher schon Mitte der 70er Jahre. «Ich war einer der Ersten, die im Sport Computer eingesetzt haben. Wir haben die Daten mit dem Rechner erfasst, auf Band gespeichert, es gab nichts anderes», sagt Frehsner. «Man konnte mit den eingespeicherten Daten Ranglisten erstellen und diese ausdrucken, statt sie von Hand oder mit der Schreibmaschine zu erstellen. So habe ich die Athleten damals motiviert.»

Fast so schnell wie ein Audi R8

Das Gebläse des Aeroakustik-Prüfstands im Windkanal-Zentrum von Audi in Ingolstadt erreicht Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 km/h. Die Audi-Ingenieure prüfen und verbessern seit der Eröffnung 1999 damit die Aerodynamik ihrer Entwürfe, optimieren aber auch die Windgeräusche, die bei hohen Geschwindigkeiten entstehen. Die Audi-Anlage gilt als besonders geräuscharm. Eine gute Aerodynamik macht das Auto durch die Reduzierung des Luftwiderstandes nicht nur schneller, sondern auch effizienter. Beim Audi e-tron etwa haben es die Entwickler geschafft, den cW-Wert auf 0,25 zu senken – eine Bestmarke im SUV-Segment. Neben dem Aeroakustik-Prüfstand betreibt Audi auch noch einen Thermo-Windkanal im Zentrum. So wird die Motorraumdurchströmung und damit das Kühlsystem im Auto geprüft und verbessert. Das Know-How aus dem  Windkanal ermöglicht nicht nur Fahrzeugen sportliche Höchstleistungen: Neben den Schweizer Skifahrern nutzen auch Segler und Skispringer die Anlage, um schneller und effizienter zu werden.

Bis heute jagt Karl Frehsner die Hundertstelsekunden. Beim Schweizer Skiverband hat er ein Mandat für die Entwicklung der Stoffe und Schnitte der Rennanzüge. Seit 1978 arbeitet er mit dem japanischen Hersteller Descente zusammen. Im Hochsommer schickt Frehsner seine Athleten auf die Bretter und in den Windkanal in Ingolstadt (D). Dort, wo Audi sonst die Aerodynamik testet. «Andere messen mit einem Dummy oder Modellen. Damit fehlen die ganzen Muskelbewegungen, so kommt man nicht weiter.» Alles, was im Windkanal passiert, wird festgehalten: Messwerte, Bedingungen, Bilder, Videos, 3-D-Scans. «Man kann noch so viel am Computer simulieren. Am Ende muss man überprüfen, was tatsächlich passiert, wenn der Stoff über dem Körper gespannt ist, welchen Einfluss die Struktur hat, welchen Einfluss die Temperatur und vieles Weiteres mit sich bringen.»

Jasmine Flury Ende Juli 2019 im Windkanal.
Jasmine Flury Ende Juli 2019 im Windkanal.

Den digitalen Anschluss hat Frehsner nie verloren. «WhatsApp, Instagram, ich hab alles», sagt er. «Ich habe mein Leben lang mit Athleten zwischen 15 und 35 Jahren gearbeitet. Wenn du mit denen kommunizierst, fordern sie dich», sagt Frehsner. «Aber ich bin ja auch ein bisschen ein Spinner.»

Dem Vorsprung auf der Spur

Einer von Frehsners ehemaligen Athleten ist heute selber Trainer: Franz Heinzer, 57, trainiert die Speedfahrer des Europacup-Teams bei Swiss-Ski. «Ich wäre früher froh um solche Möglichkeiten gewesen. Es wäre einfacher gewesen, meine Schwachpunkte zu finden und zu analysieren», sagt er. Auch Heinzer helfen heute digitale Hilfsmittel. Etwa Dartfish, eine Videoanalyse-Software, die von Fribourg aus die Welt erobert hat.

 50 Jahre Vorsprung

Seit dem Weltcup-Winter 1967/68 ist die AMAG die Mobilitätspartnerin von Swiss-Ski. 50 Jahre Treue – das ist auch in der Welt des Sport-Sponsorings Bestleistung. Der Plan des damaligen Direktors Adolf Ogi: Seine Athleten sollten zu jeder Zeit und bei jeder Witterung sicher und entspannt an die Trainings- und Wettkampforte kommen. Mit der Lancierung des quattro-Antriebs entwickelte sich Audi zum optimalen Mobilitätspartner des Skiverbands: Das legendäre Allradsystem garantiert sicheren Vortrieb auch unter winterlichsten Strassenbedingungen. Audi stellt den Sportlern und Funktionären Fahrzeuge zur Verfügung. Damit können sie nicht nur auf den Skiern, sondern auch auf vier Reifen Bestleistungen erzielen. Die Zusammenarbeit beschränkt sich aber nicht nur auf den Fuhrpark: Der Windkanal am Audi-Sitz in Ingolstadt (D) etwa ist für Swiss-Ski wichtiger Bestandteil der Saisonvorbereitung (siehe links).

«Früher wusste man einfach, ob die Zwischenzeiten gut oder schlecht waren, und zog daraus Schlüsse. Dabei war womöglich viel entscheidender, wie schnell der Athlet in den Streckenabschnitt hineingefahren ist», sagt Heinzer. Mit der Software kann man heute Aufnahmen von bis zu vier verschiedenen Athleten übereinanderlegen, «und man sieht ganz genau, welcher Fahrer auf welcher Linie den anderen davonfährt». Der Abfahrts-Weltmeister von 1991 gerät sogar ins Schwärmen: «Ein Tastendruck am PC entspricht zwei Hundertstelsekunden, 20 sind also vier Zehntel. So kann man exakt ausmessen, wo und wie der Vorsprung zustande kommt.»

Franz Heinzer, Speed-Trainer Europacup Swiss-Ski.
Franz Heinzer, Speed-Trainer Europacup Swiss-Ski.

Auch Heinzer sieht die Digitalisierung letztlich als Chance. «Als Athlet hat man manchmal das Gefühl, die optimale Position gefunden zu haben. Die Analyse zeigt dann aber auf, dass die Übereinstimmung noch nicht optimal ist», sagt Heinzer. «In der Regel holen sich die Fahrer mit den Aufnahmen zusätzliche Sicherheit.»

«Daten wecken den Wettkampftyp in mir»

Die Abfahrts- und Super-G-Spezialistin Jasmine Flury (26) erzählt im Interview, wie sich die Digitalisierung des Skisports in der Praxis auswirkt.

Jasmine Flury, A-Kader Swiss-Ski.

Jasmine Flury, A-Kader Swiss-Ski.

Frau Flury, im Juli standen Sie im Audi-Windkanal. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?

Es war bereits das vierte Mal, dass ich bei Audi in Ingolstadt war. Die gesamte Anlage dort ist imposant und beeindruckt mich immer wieder aufs Neue. Für uns ging es darum, im Windkanal Rennanzüge zu testen. Meine Aufgabe bestand darin, im Windkanal die immer gleiche Position, die Abfahrtshocke, für mehrere Sekunden zu halten, damit so verschiedene Daten gewonnen werden konnten – dabei  wurden verschiedene Renntempi simuliert: erst 80 km/h, dann 100 km/h und schliesslich 120 km/h.

Welche digitalen Tools sind für Sie besonders wertvoll?

In jedem Training sind Video-Kameras im Einsatz. Mit Hilfe von Dartfish werden dann die verschiedenen Trainingsläufe übereinandergelegt und verglichen. Man sieht so gut, auf welcher Linie man am meisten Geschwindigkeit mitnehmen kann. Wir trainieren auch immer wieder die Starts. Dabei werden Daten erhoben, um festzustellen, wie viel Druck auf die Stöcke gegeben werden. Es lässt sich mittels Analysen ermitteln, welche Anzahl Stockstösse sinnvoll ist und ab wann sie quasi ins Leere laufen und man deshalb einzig aus den Beinen heraus arbeiten soll.

Sie und Ihre Leistung werden ständig vermessen und analysiert. Welchen Einfluss hat das auf Ihr Selbstvertrauen und Ihr Selbstverständnis als Athletin?

Es gibt Trainings, in denen  wir frei fahren. Sobald jedoch Daten erhoben werden, beispielsweise mittels Zeitmessung, weckt dies im Training den Wettkampftyp in mir. Im Skifahren geht es grundsätzlich immer um Direktvergleiche. Man sieht Schwarz auf Weiss, wo man steht. Wenn es gut läuft, steigt das Selbstvertrauen. Andernfalls kann man aus den Daten lernen, um es besser zu machen.

Gibt es ein digitales Wettrüsten im Skisport? 

Von einem digitalen Wettrüsten würde ich nicht sprechen. Aber wir schauen zusammen mit Björn Bruhin, dem wissenschaftlichen Mitarbeiter von Swiss-Ski, selbstverständlich laufend, wie wir einen Schritt weiterkommen und wo noch Potenzial ist. Die Entwicklung schreitet ständig voran, das Ganze ist sehr spannend. Manchmal ist es für mich persönlich jedoch auch hilfreich, wenn nicht jedes Detail überanalysiert wird.

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