Wenn Autos nicht mehr mit Benzin fahren

Das Autofahren wird sich in den nächsten Jahren radikal verändern. Der Strom ersetzt fossile Brennstoffe als Energieträger. Was bleibt: Die Welt wird weiterhin um vier Räder kreisen. Das Auto prägt den Alltag und die Mobilität. Von ihm hängen Millionen von Jobs ab. Was aber wird anders durch die Elektromobilität?

Von Peter Hossli

Noch frohlocken Menschen weltweit über sinkende Zahlen an der Zapfsäule, schmollen aber, wenn diese steigen. Wie viel eine Gallone (3,79 Liter) Benzin kostet, hat schon manchen amerikanischen Wahlkampf entschieden. Fahren wir elektrisch, wird die weltweit emotionalste  Zahl verschwinden: der Benzinpreis. Zwischen 2020 und 2030 sollen zur Mehrheit von Strom betriebene Autos verkauft werden. Der Wandel wird Jahrzehnte dauern. Aber es ist denkbar, dass irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts die letzte Tanksäule verschwindet.

Hat der Tankwart bald ausgedient? (Getty)
Hat der Tankwart bald ausgedient? (Getty)

Die rund 9000 Garagisten in der Schweiz sorgen sich. Sie wissen: Das Elektromobil wird ihren Alltag nicht nur radikal ändern, viele wird es nicht mehr brauchen, sobald mehrheitlich elektrisch betriebene Autos über Schweizer Strassen rollen. Was die Garagisten heute den Autofahrern tagtäglich bieten, benötigen deren Strom-Wagen nicht mehr: Schmierfett, neue Luft- und Dieselfilter, Zündkerzen oder einen Ölwechsel. Der jährlichen Service? Besteht höchstens noch aus dem Austausch der Reifen. Der Garagist wird noch mehr zum Dienstleister werden als heute schon. Er wird die Kunden beim Zubehör beraten, die Pneu überwintern, Software-Updates durchführen und den Auto-Frühlingsputz organisieren.

Handwerkliche Arbeit ist bei einem Elektromobil kaum mehr notwendig. Es hat deutlich weniger mechanische Teile als ein Benziner. Übrig bleiben das Chassis, die Batterie und der weitaus einfachere Elektromotor. Ihn betreuen werden Garagisten nur noch, so lange es Menschen gibt, die Autos besitzen.

Ein Teilnehmer des Solar-Autorennens Tour de Sol 1987 lässt eine Bieler Tankestelle links liegen. (Keystone)
Ein Teilnehmer des Solar-Autorennens Tour de Sol 1987 lässt eine Bieler Tankestelle links liegen. (Keystone)

Der Trend zielt aber woanders hin: Das Auto der Zukunft ist ein Roboter, der autonom fährt und Teil einer grösseren Flotte ist. Diese wird zentral gewartet, von den Firmen, die sie betreiben. Tanken? Passé. Die Autos werden sich selbstständig aufladen, oder sie werden den Strom direkt von der Strasse aufnehmen. Damit widerfährt dem Tankwart das gleiche Schicksal wie einst dem Kutscher: Eine neue Technologie hat ihren angestammten Beruf obsolet gemacht.

Weltordnung stellt sich auf den Kopf

Der Benzinpreis bestimmt seit Jahrzehnten die Geopolitik. Um den Fluss des fossilen Brennstoffs  zu sichern, hat Amerika eigene Soldaten und Kampfflugzeuge im Nahen Osten stationiert. Zuweilen gibt es Kriege allein, damit Benzin günstig bleibt. Laden wir Batterien, statt Tanks zu füllen, stellt sich diese Weltordnung auf den Kopf: Der Nahe Osten dürfte politisch an Bedeutung verlieren. Da die Grossmächte dort keine Stellvertreterkonflikte mehr ausfechten werden, wäre Frieden in der Region möglich.

Zudem haben die USA selber in den letzten Jahren ihre Förderkapazitäten durch Fracking massiv ausbauen können. Mittlerweile sind die Vereinigten Staaten die grösste Erdöl-Nation der Welt – nicht nur beim Verbrauch, auch bei der Produktion.

Ein Ölfeld südöstlich von Bagdad. (Reuters)
Ein Ölfeld südöstlich von Bagdad. (Reuters)

Mancher Öl-Staat am Persischen Golf löst sich bereits von fossilen Brennstoffen. Kräftig investiert beispielsweise Saudi Arabien in Solaranlagen. Weil selbst den Scheichs sinnvoller erscheint, saubere Energie zu gewinnen und dreckiges Öl im Boden zu lassen. Bewusst diversifizieren die Staaten am Golf ihre Wirtschaft, da sich die Reserven einem Ende zuneigen.

Mit jedem Liter Benzin, den wir heute tanken, finanzieren wir den Strassenbau mit 73,12 Rappen, bei Diesel sind es 75,87 Rappen. Das deckt 55 Prozent der 8,8 Milliarden Franken, die in der Schweiz der Bau und der Unterhalt von Strassen jährlich kosten. Wegen der Elektrifizierung der Mobilität entsteht ab 2025 eine Lücke, da sich Strom kaum besteuern lässt. Deshalb schuf das Schweizer Volk 2017 in einer Volksabstimmung die Grundlage für eine direkte Besteuerung von E-Mobilen.

Eine Kobalt- und Kupfermine im Kongo. (Reuters)
Eine Kobalt- und Kupfermine im Kongo. (Reuters)

Allerdings sind die Lithium- und Kobalt-Vorkommen nicht unbegrenzt. Deshalb entwickeln Ingenieure bereits neuartige Batterien, die weit weniger Lithium beanspruchen. Forscher am Frauenhofer IWS in Dresden etwa setzen auf Schwefel und auf Natrium. Das erste ist ein Abfallprodukt der Ölindustrie, das zweite lässt sich aus Kochsalz gewinnen und ist im Gegenteil zu Lithium in fast unbegrenzter Menge vorhanden. Bereits heute werden in Japan zur Pufferung von Stromnetzen Batterien auf der Basis von Natrium und Schwefel eingesetzt.

Tausende Stellen gehen verloren

Rund um die Batterie bauen Autokonzerne künftig Autos, was etliche neue Jobs und einen neuen Industriezweig schaffen wird. Allerdings benötigen Elektromobile weit weniger Teile als Benziner. Allein in Deutschland würden deshalb 75’000 Stellen verloren gehen, so das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in einer neuen Studie. Wobei rund 25’000 neue Stellen für die Herstellung von Komponenten wie Batterien oder Leistungselektronik schon einberechnet sind.

Andere Studien gehen von einem grossen Bedarf an neuen Arbeitskräften aus. Bereits jetzt können die Autokonzerne den Bedarf an Elektrotechnikern, Elektronikspezialisten und Software-Ingenieuren nicht decken.

PS: Umdenken müssen auch die Drehbuchautoren in Hollywood, wenn sie Actionfilme schreiben. Die Motoren von Elektromobilen machen keinen Lärm, sie haben keine Verbrennungsmotoren, die in die Luft gehen könnten oder Feuer fangen. Vermutlich wird der Fokus bei Auto-Filmen auf der Beschleunigung liegen, zumal ein Elektromotor weit rascher von null auf 100 km/h kommt als ein Verbrenner.

e-tron News

Technik, Gesellschaft, Mobilität: Bleiben Sie up to date bei den Themen, die uns in Zukunft bewegen.